
LESEPROBE
Kapitel 2 Der Fund
Auszug:
Die Hütte hatte drei geschlossene Seiten, wobei eine davon eine mannshohe Öffnung aufwies, die als Eingang diente. Die vierte Wand übernahm der Berg. Das Dach hing böse durch. Den nächsten Sturm würde es wohl kaum überleben. Wind und Wetter hatten die Wände außen ergrauen lassen.
Vorsichtig betrat er die kleine Behausung. Ein halb offener Fensterladen gab die Sicht zum Tal frei. Im Inneren standen weder Tisch noch Stuhl, dafür lag ein langer Holzstamm quer im Raum, oben begradigt und als Bank nutzbar.
Iskander setzte sich, legte seinen Wasserbeutel und die Tasche auf die Bank und holte schließlich seinen geschnitzten Löwen hervor. Er stellte ihn neben sich. Schon war er nicht mehr ganz so allein. Erschöpft lehnte er sich zurück.
Wie stumme Wächter hingen staubbedeckte Spinnweben in den Ecken des Raums. Mitten im Boden befand sich eine rußige Stelle, in der halbverkohlte Stöckchen und winzige Knochen lagen. Es roch nach kaltem Rauch und Urin. Hier drinnen war es wahrlich nicht gemütlich.
Leise stimmte er die Melodie eines Liedes an. Es war nur ein persisches Volkslied, aber er mochte es lieber als alle Lieder, die Amina je gesungen hatte. Selbst im Traum hörte er manchmal dieses Lied, das von der Schönheit Persiens handelte. Früher hatte er immer gedacht, ein Engel habe ihm vorgesungen, denn die Stimme war so klar und rein wie Winterluft. Die Tage nach solchen Träumen waren immer gut gewesen. Gedankenlos fuhr Iskanders Hand über die Oberfläche der Bank, als er etwas Glattes berührte. Eine Schlange, direkt neben ihm!
Jäh schoss er in die Höhe. Hastig tastete er in der Hosentasche nach seinem Messer. Mist, es befand sich in der Tasche, und die lag auf der Bank. Er streckte den Hals so weit nach vorne, dass ihm der Nacken schmerzte. Die Schlange war daumenbreit, braun, vielleicht auch schwarz. Das konnte Iskander im dämmrigen Licht nicht erkennen. Sie besaß kein Muster. Giftig konnte sie trotzdem sein.
Das Tier rührte sich nicht.
Iskander wagte sich einen Schritt näher heran, dann lachte er auf. „Na so was!“ Mit zwei Fingern hob er die vermeintliche Schlange in die Höhe. Sie war nichts anderes als der lederne Tragegurt eines Wasserbeutels, der hinter die Bank gefallen war. Der Riemen hatte dunkle Flecken, doch in das gut erhaltene Leder war eine wunderschöne Blume eingekerbt. Der Verschluss des Beutels war aus rötlichem Metall gefertigt. Hoffentlich war das Wasser noch trinkbar.
Iskander hatte den glänzenden Verschluss noch nicht vollends aufgedreht, als ihm ein schaler Geruch entgegenschlug. „Uuh! Wie das stinkt!“ Angeekelt warf er den Wasserbeutel von sich. Enttäuscht ließ er sich auf die Bank fallen. Er schloss die Augen und fuhr mit der Zunge über seine aufgesprungenen Lippen.
„Habibi?“, ertönte plötzlich eine blecherne und zugleich zarte Stimme.
Iskander zuckte zusammen. Er sah zur Fensterbank, wo sich ein winziger Vogel niedergelassen hatte und ihn mit geneigtem Kopf herausfordernd ansah. Ach so. Das Kerlchen hatte tiriliert.
„Habibi?“
„Was?“ Zweifelsohne hatte sich eben der Schnabel des Vogels nicht bewegt, und diesmal klang es auch nicht nach Tiriliri. Erst jetzt bemerkte Iskander die schimmelgelbe Wolke, die wie Morgennebel aus dem geöffneten Metall-verschluss des Wasserbeutels herauswaberte.
Er schnappte sich seine Tasche und fingerte fahrig nach dem Messer.
Mittlerweile hatte die Wolke die Größe eines Fasses angenommen und zu Iskanders Leidwesen versperrte sie den Ausgang. Iskander wollte durch die Wolke ins Freie treten, doch er zögerte. Womöglich steckte er dann in dem Nebel fest. Allein bei dem Gedanken wurde ihm übel. Sein Herz zerplatzte fast, so schnell schlug es. Er wollte sich nicht wieder gefangen nehmen lassen. Niemals! Fieberhaft überlegte er, was er dem Marid zum Tausch anbieten könnte. Die Tasche, ja, aber nicht den selbstgeschnitzten Löwen. Und das Messer erst recht nicht. Er packte den Griff seines Messers fester und baute sich breitbeinig vor der Wolke auf.
Die gelbe Wolke schwebte nach oben. Nur noch ein transparenter Strang, fein wie ein Faden, verband die Wolke mit dem Wasserbeutel. Unter der niedrigen Decke verdichtete sie sich zu einer zähen Masse, dann riss der Wolkenfaden. Jeden Moment würde das monströse Gesicht des Marids erscheinen. Die Oberfläche der Wolke wurde glatt wie ein Apfel, und allmählich formte sich eine Figur heraus.
Iskanders Knie zitterten so stark, als hätte er den Uzarat-Berg in Rekordzeit erklommen. Unwillkürlich kniff er die Augen zu. Nein, er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Beherzt schob er die Brust nach vorne und hob ganz langsam den Kopf. Er öffnete erst ein Auge, dann das zweite.
Unter der niedrigen Decke hing ein dickbauchiger Marid, der ihn mit kleinen Augen neugierig musterte.